Geschichte der Konsular-Akademie, Boltzmanngasse 16

Im Jahre 1754 gründete Kaiserin Maria Theresia die Kaiserliche und Königliche Orientalische Akademie in Wien zum Zwecke der Verbesserung der Kultur- und Handelsbeziehungen mit dem Balkan und dem Nahen Osten. Zukünftige Bankiers, Handelstreibende und Diplomaten besuchten Vorlesungen mit Schwerpunkt auf orientalischen Sprachen und Wissenschaften. Erst im Jahre 1901, als die Akademie in das Außenministerium eingegliedert wurde, wechselte sie Standort und zuständiges Ressort. In der Boltzmanngasse 16 wurde mit finanziellen Mitteln, die Kaiser Franz Josef I. stiftete ein neues Gebäude errichtet. Kaiser Franz Josef zeigte damals besonderes Interesse an der Ausbildung zukünftiger Diplomaten für sein Reich. Der namhafte Architekt Ludwig Baumann begann den Bau des Gebäudes im Stil des unter Maria Theresia geschätzten klassischen Barock am 6. Oktober 1902 und stellte ihn zwei Jahre darauf fertig. Die Fokussierung des Unterrichts an der Akademie (die nunmehr Konsular-Akademie genannt wurde) auf den Osten wich Anfang des 20. Jahrhunderts einem Studienplan, der sich mehr auf westliche Sprachen konzentrierte. Der Abschluss des strengen fünfjährigen Studiums ermöglichte den Studenten, die oft von weit her kamen, um an der Akademie zu studieren, eine Laufbahn auf allen Gebieten des auswärtigen diplomatischen Dienstes und in Handelsmissionen im Ausland.

An der Akademie herrschten strenge Regeln, um die Studenten zu einem Benehmen anzuleiten, dass ihrer zukünftigen Position entsprach. Studierende, die an der Akademie auch Kost und Logis bezogen, konnten das Gebäude nur zu bestimmten Zeiten verlassen, und Gäste mussten sich an festgelegte Besuchszeiten halten und durften sich nur in gewissen Bereichen des Gebäudes aufhalten. Die Studenten legten auch ihre eigenen „Gesetze“ sowie kleinere Bestrafungen fest, wie die persönlichen Gegenstände desjenigen zu verstecken, der gegen diese Gesetze verstoßen hatte, oder ihm Wasser ins Hosenbein zu gießen, während der „Übeltäter“ im Handstand stehen musste. Viele der Bedürfnisse der Studenten konnten direkt an der Akademie erfüllt werden. Die Akademie hatte ihren eigenen Friseur, Speisesaal, ein medizinisches Zentrum, Billardzimmer, Sporthalle und Bibliothek. Für die Wochenenden gab es ein Freizeitprogramm. Absolventen verbreiteten den guten Ruf der Akademie über die ganze Welt und so wurde sie bald zu einer angesehenen Institution mit einem Zulauf von Studenten aus aller Welt. Zur Jahrhundertwende wurden die ersten Frauen aufgenommen.

Die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg waren von Instabilität geprägt. Im Jahre 1938 legte das deutsche Außenministerium, unter dessen Oberhoheit die Akademie mit dem Anschluss gefallen war, die westlichen und orientalischen Abteilungen zusammen und kürzte zahlreiche Unterrichtsgegenstände. Die Akademie erhielt weiterhin zahlreiche Bewerbungen von Studenten aus der ganzen Welt, obwohl der Direktor zu jener Zeit die Inskriptionen stark einschränkte, da die Zukunft der Akademie unsicher war. Um zugelassen zu werden, mussten Studenten nun Auswahlkriterien erfüllen und ein Führungszeugnis, einen Ariernachweis sowie Heirats- und Geburtsurkunden der Eltern beibringen. Reichserlässe zwangen die Akademie, sich an strenge Verhaltensregeln in Sachen Auslandsreisen zu halten und verlangten, dass die Akademie zu bestimmten Feiertagen deutlich sichtbar mit der Hakenkreuzfahne beflaggt werde. Das Außenministerium der Nationalsozialisten änderte auch den Lehrplan, der nun stärker auf die „germanische“ Kultur ausgerichtet wurde.

Um 1941 hatte das Deutsche Reich die Akademie zu einem Werkzeug zur Förderung seiner Kriegsziele umfunktioniert – von ihrer ursprünglichen Berufung war sie nun weit entfernt: Vorlesungen wurden gestrichen, Professoren mussten Militärkadetten unterrichten, zahlreiche nationalsozialistische Zusammenkünfte und Veranstaltungen fanden in der Akademie statt und schließlich wurde im Gebäude ein Lazarett eingerichtet. Die Bibliothek der Akademie wurde in die Kaiserlichen Archive in der Bankgasse und am Minoritenplatz verlegt und später in Räume unter der Peterskirche im 1. Bezirk, um sie während der späteren Kriegsphasen zu schützen. Zu Kriegsende stand die Boltzmanngasse 16 unter amerikanischer militärischer Verwaltung und blieb es bis 1946. Der österreichische Nationalrat verabschiedete ein Gesetz, aufgrund dessen das Gebäude der Konsular-Akademie verkauft werden konnte. Die Regierung der Vereinigten Staaten erwarb es am 30. Juni 1947 für 392.139 Dollar. Der Kauf wurde von Eleanor Dulles ausgehandelt, einer Berufsdiplomatin und bedeutenden Wirtschaftsexpertin für das Außenministerium der U.S.A. in Österreich und Westdeutschland, der Schwester von Außenminister John Foster Dulles. Die amerikanische Vertretung in Österreich hatte von 1947 bis 1951 den Status einer Gesandtschaft. 1951 erhielt sie offiziellen Botschaftsstatus, mit Walter J. Donnelly als erstem Botschafter der Vereinigten Staaten in Österreich.