Unabhängigkeitstag

(4. Juli)


„Proclaim liberty throughout all the land unto all the inhabitants thereof.“
– Worte auf der Liberty Bell

Um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts konnten es die 13 Kolonien, die einen Teil des Englischen Imperiums in der Neuen Welt darstellten, zunehmend schwerer akzeptieren, von einem König regiert zu werden, der 3000 Meilen entfernt jenseits des atlantischen Ozeans saß. Sie waren es leid, Steuern auferlegt zu bekommen. Doch die Unabhängigkeit wurde erst Schritt für Schritt mit schmerzhaftem Einsatz erlangt. Die Bewohner der Kolonien konnten nicht vergessen, dass sie britische Bürger und König George III zur Treue verpflichtet waren.

Eine „Tea Party“ und ein „Massaker“ waren die beiden Ereignisse, die das Schicksal vorantrieben. Neben der allgemeinen Unruhe einten sie die Menschen in den Kolonien. Im Jahre 1767 verlor eine Teehandelsgesellschaft in englischem Besitz viel Geld. Um das Unternehmen zu retten, hob England 1773 eine Steuer auf Tee ein, der in den Kolonien verkauft wurde. Teilweise zum Scherz verkleideten sich Samuel Adams und andere Leute aus Boston als Indianer und versenkten eine Ladung Tee der India Company in der Bucht von Massachusetts. König George III fand das weniger komisch und es brachte ihn auch keineswegs dazu, die Teesteuer aufzuheben. Im Hafen von Boston wurden britische Soldaten von Koloniebewohnern, die dachten, die Soldaten waren geschickt worden, um sie zu beobachten, verhöhnt und mit Steinen beworfen. Die Soldaten schossen in die Menge und töteten einige Bürger. Die Koloniebewohner übertrieben bei der Anzahl der Getöteten und nannten den Zwischenfall ein „Massaker“.

Virginia machte den ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit, indem es ein Komitee wählte, das die Kolonien vertreten sollte. Dieser First Continental Congress trat im September 1774 zusammen. Eine Auflistung von Beschwerden über die Krone wurde erstellt – das erste Dokument, das die Kolonien formell von England trennte. George Washington übernahm das Kommando über die Continental Army und begann, die Briten in Massachusetts zu bekämpfen. Die folgenden acht Jahre hindurch kämpften die Kolonien mit aller Kraft im Unabhängigkeitskrieg.

In der Zwischenzeit war in Philadelphia, Pennsylvania, ein Krieg der Worte entflammt. Am 2. Juli des Jahres 1776 tagte der Second Continental Congress und arbeitete an einer zweiten Fassung des Beschwerdeschreibens, und John Hancock, der Präsident des Second Continental Congress, unterschrieb als erster. Das Dokument, Unabhängigkeitserklärung genannt, wurde als Hochverrat gegen die Krone betrachtet und die 56 Männer, die sie unterzeichneten, liefen Gefahr, exekutiert zu werden.

Der Unabhängigkeitstag wird am 4. Juli gefeiert, da dies der Tag ist, an dem der Continental Congress die endgültige Fassung der Unabhängigkeitserklärung annahm.* Vom 8. Juli 1776 bis zum darauf folgenden Monat wurde das Dokument in der Öffentlichkeit verlesen und die Menschen feierten, wo immer sie es hörten. Im Jahr darauf läuteten in Philadelphia die Glocken, von Schiffen wurden Kanonen abgefeuert und Kerzen und Feuerwerkskörper entzündet. Doch der Unabhängigkeitskrieg zog sich noch bis 1783 hin. In jenem Jahr wurde der Unabhängigkeitstag zum offiziellen Feiertag erklärt. Im Jahre 1941 erklärte der Kongress den 4. Juli zum bundesweiten Feiertag.

*Mit Ausnahme der Virgin Islands, wo schon eine Woche davor bis zum 4. Juli gefeiert wird.

John Adams, ein Rechtsgelehrter, erster Vizepräsident und zweiter Präsident der Vereinigten Staaten, war als eines der Mitglieder des Second Continental Congress Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Er schrieb an seine Frau:“ Ich glaube, dass (dieser Tag) noch Generationen nach uns als großer Jahrestag gefeiert werden wird …. Er soll mit Pomp und Paraden, Salut und Sport, Spielen und Aufführungen, Glocken, Freudenfeuern und Lichterspielen von einem Ende des Kontinents zum anderen begangen werden ….“

John Adams hat vielleicht die späteren Feiern zum Unabhängigkeitstag vorausgesagt oder diese Tradition mit seinen Worten begründet. Jeden 4. Juli haben die Amerikaner einen freien Tag. Man macht Picknicks, die den ganzen Tag dauern, mit Lieblingsspeisen wie Hot Dogs, Hamburgern, Kartoffelsalat, Baked Beans und allem Drumherum. Am Nachmittag gibt es selbstverständlich fröhliche Musik, Baseball-Freundschaftsspiele, „Three-Legged-Races“ (ein beliebter Wettlauf, bei dem zwei Läufer an den Beinen zu einem „dreibeinigen“ Paar aneinander gebunden werden) und Torten- und Wassermelonen-Wettessen. In manchen Städten gibt es Aufmärsche, für die sich die Leute als Gründerväter verkleiden, die in Paraden zur Musik von Schülerbands aufmarschieren. Wenn es dunkel wird, versammelt man sich in den Städten, um ein großes Feuerwerk zu sehen. Überall auf der Welt kommen die Amerikaner zu ihrer traditionellen 4. Juli – Feier zusammen.

Die Unabhängigkeitserklärung wurde in Philadelphia, Pennsylvania, zum ersten Mal verlesen. Heute, beim Freedom Festival in der Independence Hall, stellen Amerikaner in Kostümen historische Szenen nach und verlesen die Unabhängigkeitserklärung vor der Menge. In Flagstaff, im Bundesstaat Arizona, halten Indianer um den 4. Juli eine dreitägige Versammlung ab („Pow-wow“), mit Rodeo und Tänzen. In Lititz, Pennsylvania, werden hunderte über das Jahr gemachte Kerzen in der Nacht im Park entzündet und im Wasser schwimmen gelassen, während eine „Kerzenkönigin“ gewählt wird. Das Schiff U.S.S. John F. Kennedy läuft am 4. Juli mit vollen Segeln in den Hafen von Boston, Massachusetts, ein und das Boston Pops Orchestra spielt patriotische Lieder. Über 150.000 Menschen bestaunen ein Feuerwerk über dem Wasser.

Die Feuerwerkfamilie

In New Castle, im Bundesstaat Pennsylvania, ist die Vitale Fireworks Display Company zu Hause, von der über tausend Feuerwerke pro Jahr stammen. Constantino Vitale brachte 1922 sein Können in Sachen Feuerwerk von Italien nach Amerika. Er gab seine Geheimnisse an seine vier Söhne weiter, und seit damals erzeugt diese Firma bei den Amerikanern Ooohs und Aaahs, wenn Sie am 4. Juli und zu anderen Gelegenheiten bunte Farben in den Himmel zaubert. „Es ist, als würde man eine Ballettaufführung inszenieren, nur, dass eben die Tänzer oben sind und in den Himmel zeichnen“, meint Vitales Enkelin. „Meine starke Liebe zu Amerika flammt auf, wenn ich dieses einzigartige Spektakel am Himmel sehe.“

Der Anblick und Klang einer läutenden Glocke steht für die meisten Amerikaner für Freiheit. Dies geht auf die Liberty Bell zurück, die in Philadelphia anlässlich der Geburt des neuen Landes geläutet wurde.

Im Jahre 1752 kam die neue Glocke sicher aus England an, doch sie sprang beim ersten Hammerschlag. Da man keine Zeit verlieren wollte, wurde die Glocke nicht nach England zurückgeschickt, sondern Glockengießer aus Philadelphia mit der Reparatur beauftragt. Zweimal wurde sie umgegossen, bevor sie endlich zum Einsatz kommen konnte.

Am 4. Juli 1776 läutete die Glocke anlässlich der Annahme der Unabhängigkeitserklärung. Am 16. April 1783 verkündete sie stolz die Friedenserklärung und die neu gewonnene Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika.

Zu jedem Ereignis von bundesweiter Bedeutung stimmte die Liberty Bell mit ihrem harmonischen Klang in die Stimme der Allgemeinheit ein: 1789, anlässlich der Wahl George Washingtons; 1797, als John Adams gewählt wurde; 1799 anlässlich des Todes von George Washington; und 1801, als Thomas Jefferson Präsident wurde. Am 4. Juli 1826 war die Glocke beinahe ein dreiviertel Jahrhundert alt und die Nation, deren Geburtstag sie verkündet hatte, ein rüstiger Fünfziger. Damals war das Ereignis wahrhaftig ein frohes. Dann, am 8. Juli 1835, als sie während der Begräbnisprozession von John Marshall, Höchster Richter des Obersten Gerichtshofes und einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, schlug, sprang die große Glocke.

Aus Sorge, dass der Sprung die historische Glocke ganz zerstören könnte, nahm man sie vom Turm. Danach erhielt die Liberty Bell ihren Namen. Seit damals ist die Glocke zu sehen, wurde jedoch nie wieder geläutet. Kein Lebender kennt die Stimme der Liberty Bill, den seit 1835 hat man sie nicht mehr gehört. Der Sprung, der damals auftrat, wird durch eine mechanische Spange in ihrem Inneren daran gehindert, sich auszuweiten.

Vor ein paar Jahren machte die Gießerei in London, aus der die Originalglocke stammte, einen freundlichen Vorschlag: Sie wollte die Glocke nach England bringen lassen, schmelzen und ohne Kosten für die Vereinigten Staaten neu gießen. Die Hüter der Glocke überlegten ernsthaft, bevor sie antworteten. Dann entschieden sie, dass die gesprungene Liberty Bell ein lieb gewonnenes Symbol für den Freiheitskampf Amerikas sei. Wie die Falten und Linien im Gesicht eines Menschen ein sichtbares Zeichen aller Anstrengungen sind, die dieser Mensch schon hinter sich hat, so erinnert der Sprung in der Liberty Bell die Amerikaner daran, dass ihren Vorvätern die Freiheit für ihr Land nicht in den Schoß gefallen ist – im Gegenteil, dass dabei sogar so manches zu Bruch ging. Daher dankten die Verantwortlichen der Londoner Gießerei im Namen der Amerikaner für das großzügige Angebot, lehnten aber ab und erklärten: „Wir mögen die Glocke so, wie sie ist, mitsamt dem Sprung. Sie ist ein wichtiger Teil unseres Erbes.“

„Yankee Doodle“

Eigenartigerweise hat dieses patriotische Lied unrühmliche Ursprünge. Melodie und Text haben ihre Wurzeln im Holland des XV. Jahrhunderts, wo ein Erntelied mit „Yanker dudel doodle down“ begann. In England kannte man die Melodie als Kinderreim und später als ein Lied, mit dem der puritanische Kirchenherr Oliver Cromwell verspottet wurde. Man nimmt an, „Yankee“ könnte eine Verballhornung des Wortes „englisch“ sein und „doodle“ meint eine dumme Person. Es war jedoch ein britischer Chirurg, Richard Schuckburgh, der den Text schrieb, mit dem man die einfachen Soldaten der Kolonien spottete, die im French and Indian War (britisch-französischer Kolonialkonflikt, 1754-1760) kämpften. Bald danach benützten die britischen Truppen das Lied, um im Unabhängigkeitskrieg die Soldaten aus den Kolonien zu verhöhnen. Und dennoch wurde es für die Bewohner der Kolonien in jenem Krieg zur Parole und Hymne.

„America, the Beautiful“

Immer wieder gibt es Bemühungen, „America, the Beautiful“ statt „The Star-Spangled Banner“ zur nationalen Hymne zu machen, größtenteils deshalb, weil dieses Lied nicht als Ergebnis eines Krieges geschrieben wurde. Die Melodie singt sich leichter und sie preist das ganze Land, nicht nur die Flagge. Katherine Lee Bates, eine Englischprofessorin am Wellesley College, fuhr eines Tages im Jahre 1893 in einem Pferdewagen auf den Pike’s Peak, einen Berg in Colorado. Es eröffnete sich ihr ein Blick auf die Berge, wie ihn damals nur wenige Leute zu sehen bekamen und der Eindruck der Weite des Himmels und der purpurroten Berge inspirierten sie, ein Gedicht zu schreiben, das zur ersten Strophe des Liedes wurde. Die Leute mochten das Gedicht sehr und Miss Bates wurde aufgefordert, ein Melodie dazu zu finden. Sie wählte die Melodie einer Hymne von Samuel Ward. Text und Melodie reisten um die Welt, und heute singen sie Mexiko, Kanada und Australien mit den Namen ihrer jeweiligen Länder anstatt „America“.