70 Jahre Marshall Plan in Österreich

  1. Politik und Geschichte
  2. 70 Jahre Marshall Plan in Österreich

Der Marshallplan war ein Hilfsprogramm der USA für 16 westeuropäische Staaten in den Jahren 1948 bis 1952. Die offizielle Bezeichnung lautete „European Recovery Program“ (ERP). Benannt ist der Marshallplan nach seinem Initiator, dem US-Außenminister George C. Marshall, der 1953 für seine Initiative auch den Friedensnobelpreis erhielt.

Europa war in den Jahren nach 1945 vom Zweiten Weltkrieg schwer gezeichnet. Die Kriegsschäden waren enorm, die Wirtschaft war am Boden. Es fehlte am Nötigsten, vor allem an Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Das amerikanische Wiederaufbauprogramm sollte der westeuropäischen Wirtschaft helfen, durch Eigeninitiative wieder auf die Beine zu kommen.

Österreich erhielt die Marshallplan-Hilfe vor allem in Form von Waren, die in Österreich verkauft wurden. Die Einnahmen aus diesen Verkäufen wurden auf Sonderkonten veranlagt. Aus diesen Mitteln wurden Kredite an österreichische Wirtschaftsunternehmen vergeben, um Wachstum, Produktivität und Beschäftigung zu fördern.

Das Programm war ein voller Erfolg und trug maßgeblich zum großen Wirtschaftsaufschwung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Möglicherweise rettete es Österreich auch vor einer Teilung des Landes im frühen Kalten Krieg. Es legte darüber hinaus die ersten Grundsteine für den europäischen Einigungsprozess. Die im Rahmen des Marshallplans akkumulierten Mittel wurden 1961 von den USA in österreichische Hände übergeben („ERP-Fonds“). Bis zum heutigen Tag leistet der ERP-Fonds einen wesentlichen Beitrag zur österreichischen Wirtschaftsförderung.

Die Wirtschaft

Die dringend benötigte Wiedererstarkung der (Friedens-)Wirtschaft, vorwiegend der Industrieproduktion, scheiterte hauptsächlich am Mangel an Rohstoffen. In der sowjetischen Besatzungszone (im Osten Österreichs) wurden die vorhandenen Industrieanlagen durch die Sowjets, die das ehemals „deutsche Eigentum“ als Ausgleich für die entstandenen Kriegsschäden für sich beanspruchten, systematisch demontiert.

Österreich galt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als „nicht lebensfähig“.

Die politische Lage

Hinzu kam die politische und soziale Spaltung des Landes entlang der Grenze zwischen der sowjetischen Besatzungszone und dem Rest des Landes. Während die USA für Österreich – wie schon bei seinen östlichen Nachbarländern – die Gefahr einer kommunistischen Machtübernahme befürchteten, erblickte Moskau in der anlaufenden Wirtschaftshilfe durch den Westen, vor allem durch die USA, ein imperialistisches Komplott.

Im europäischen Kontext nahm Österreich – wie Deutschland – eine Sonderstellung ein:

  • Die Siegerstaaten des Zweiten Weltkrieges waren im Land als Besatzungsmächte präsent.
  • Große Teile des Landes grenzten direkt an den kommunistischen Machtbereich.
  • Österreich war eines der Konfliktfelder des sich verschärfenden Ost-West-Konfliktes (Kalter Krieg).
  • Ökonomisches Chaos musste verhindert werden, um den Kommunismus aufzuhalten.
  • Um die dauerhafte Abhängig von ausländischer Hilfe zu vermeiden, musste die Fähigkeit zur Selbsterhaltung des Landes wieder hergestellt werden.
  • Die große Zahl an Flüchtlingen und Displaced Persons führte zu ernsthaften Versorgungsproblemen.
  • Die historisch bedingte starke wirtschaftliche Verknüpfung mit dem Osten war gekappt.

Darüber hinaus war Österreich das einzige Land, das teilweise unter sowjetischer Besatzung stand und in den Genuss von Marshallplan-Hilfen kam.

Hilfe von außen

In dieser Situation und nach dem Auslaufen des UN-Hilfsprogrammes im Jahr 1947 entschlossen sich die Vereinigten Staaten von Amerika dazu, Europa durch ein beispielloses Wiederaufbauprogramm auf die Beine zu helfen. Die Methode: Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Ziele waren dabei keineswegs nur uneigennützig: Die noch auf Kriegsniveau laufende US-Wirtschaft benötigte dringend neue Absatzmärkte. Und auch die politischen Ziele waren klar: Es galt das weitere Vordringen des Kommunismus nach Westeuropa um jeden Preis zu verhindern.

Die Perspektive der USA

Als eine der Siegermächte hatten die USA wesentlich dazu beigetragen, Europa und Österreich von der Naziherrschaft zu befreien. Damit war auch eine Verantwortung für die am Boden liegenden Volkswirtschaften Europas verbunden. Um Hungerkatastrophen zu vermeiden und um den Wiederaufbau zu ermöglichen, wurden internationale Hilfsprogramme auf die Beine gestellt. Das größte davon war der Marshallplan. Auch wollte man sicherstellen, dass die Entwicklung nicht erneut wie nach dem Ersten Weltkrieg in wirtschaftlicher Depression mit den bekannten sozialen und politischen Folgen endet.

Die USA waren während des Krieges zur führenden Wirtschaftsmacht aufgestiegen, und ihre Inlandsschäden waren im Vergleich zu anderen kriegführenden Ländern sehr gering. Die Wirtschaft lief, kriegsbedingt, auf vollen Touren und benötigte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges neue Absatzmärkte. Der Wiederaufbau Europas war ein wesentlicher Beitrag für den amerikanischen Wohlstand.

Auch die politische Lage änderte sich nach dem Krieg rasch. Aus Verbündeten im Weltkrieg wurden in nur wenigen Jahren Feinde im Kalten Krieg. Wichtigstes strategisches Ziel des Marshallplans war daher die Eindämmung sowjetischer Bestrebungen, ihren Einflussbereich nach Westeuropa auszudehnen (Containment-Politik). Der kommunistische Putsch in Österreichs Nachbarland Tschechoslowakei half, den amerikanischen Kongress von der Notwendigkeit einer Unterstützung des europäischen Wiederaufbaus zu überzeugen. Der Architekt und Namensgeber des Marshallplanes, George C. Marshall, war als ehemaliger Fünf-Sterne-General der US Army natürlich auch ein strategischer Denker.

Mit Beginn des Koreakrieges (1950) änderte sich auch die Ausrichtung der Marshallplan-Hilfen auf europäischer Ebene: von der Liberalisierung des Handels hin zur westeuropäischen Wiederbewaffnung.

Die Perspektive der Sowjetunion (UdSSR)

Das Potsdamer Abkommen von 1945 hatte das deutsche Eigentum im Ausland (also auch in Österreich) den Siegermächten als Kriegsentschädigung zugesprochen. 62% des deutschen Vermögens in Europa waren in Österreich zu finden. Dies lag zum einen an Rüstungsinvestitionen Deutschlands in Österreich nach dem Anschluss 1938 und zum anderen an umfangreichen Eigentumsübertragungen (Arisierungen) jüdischen Vermögens.

Die österreichische Regierung versuchte dem Anspruch der Siegermächte auf das deutsche Eigentum durch die Verstaatlichung dieser Unternehmen zu begegnen. Während die westlichen Alliierten dieses Vorgehen – mit Einschränkungen – akzeptierten, bestand die vom Krieg schwer getroffene Sowjetunion auf ihrem Recht. Was transportabel war, wurde demontiert. Die übrigen Betriebe wurden zu einem Verbund von mehr als 300 Unternehmen unter russischer Kontrollen (USIA-Betriebe) zusammengefasst.

Die Wiederaufbauhilfe durch den Marshallplan wurde anfangs auch der Sowjetunion und ihren osteuropäischen Satellitenstaaten angeboten. Moskau lehnte das Angebot als „imperialistisches Komplott“ der Vereinigten Staaten ab.
So leistete der Marshallplan einen wichtigen Beitrag zur Teilung Europas in der Frühphase des Kalten Krieges und zur Verfestigung der Blockbildung in Ost und West.

Beginn des europäischen Einigungsprozesses

Die USA verstanden die Hilfe durch den Marshallplan von Beginn an als „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die Länder Westeuropas, die in den Genuss der Hilfsgelder kamen, sollten wirtschaftlich so rasch wie möglich wieder auf eigenen Beinen stehen können. Um dieses Ziel zu erreichen, drängten die USA die Empfängerländer zu umfassenden Maßnahmen: Währungsreformen, Abbau von Handelshemmnissen, Entwicklung gemeinsamer Konzepte zum Wiederaufbau.

Zur Koordination dieser Aufgaben wurde am 16. April 1948 die OEEC, die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit, gegründet, aus der 1961 die OECD hervorging. Den militärischen Arm der atlantischen Gemeinschaft stellte die NATO dar, der Österreich als neutrales Land nie beigetreten ist.

Der Marshallplan legte so den Grundstein zur europäischen und zur transatlantischen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Funktionsweise

Die Wiederaufbauhilfe der Vereinigten Staaten bestand zum Großteil aus Gütern, die in Österreich zu Inlandspreisen verkauft wurden. Die Erlöse aus diesen Verkäufen (die sog. „Gegenwert-Mittel“ oder „counterpart funds“) wurden auf Sonderkonten angelegt und stellten in Folge die Grundlage für notwendige Investitionen dar, aus der Jahr für Jahr Kredite an die österreichische Wirtschaft zum Zweck der Produktivitäts- und Exportförderung sowie der Sicherung von Arbeitsplätzen vergeben wurden. Bis 1961 musste die österreichische Bundesregierung ihre Förderungsvorhaben mit den USA abstimmen. Am Ende hatte die ECA/MSA, die mit der Abwicklung beauftragte US-Organisation, das letzte Wort.

Der Marshallplan in Zahlen

Im Zeitraum von 1948 bis 1953 erhielt Österreich von den Vereinigten Staaten von Amerika im Rahmen des European Recovery Program („Marshallplan“) 962 Mio. USD, was heute einem Betrag von etwa 9,5 Mrd. USD entspricht. Der Anteil Österreichs am gesamten Marshallplan-Volumen von rund 13 Mrd. USD (heute 129 Mrd. USD) lag somit bei 7,4%. Statistisch betrachtet zahlte jeder Amerikaner im Rahmen des Marshallplanes 80 Dollar, jeder Österreicher erhielt davon 132 Dollar. Gemessen an der Bevölkerung hatte Österreich den dritthöchsten Anteil an den Marshallplan-Mitteln in Europa.
Während seiner aktiven Laufzeit hat sich die Ausrichtung der Marshallplan-Hilfen deutlich verändert. In den ersten beiden Jahren 1948 und 1949 stellte der Marshallplan ein Notstandsprogramm dar, das in erster Linie das Überleben der Bevölkerung in Europa sichern sollte: 44,3% der Lieferungen waren Nahrungsmittel, 23,4% Rohstoffe. Im ersten Jahr kamen auf diese Weise 14% des österreichischen Nationaleinkommens aus Mitteln des Marshallplans. In den Jahren 1949 bis 1952 dienten die US-Hilfsgelder vor allem dem Wiederaufbau der Industrie und dem Ausbau der Energieversorgung. In den letzten beiden Jahren verschoben sich die Schwerpunkte zur Konsum- bzw. Exportgüterproduktion und zum Fremdenverkehr.

Wirtschaftspolitik

Wie maßgeblich der Einfluss der USA auf die österreichische (Wirtschafts-)Politik war, zeigte sich in den Jahren 1951 bis 1953. Der strategische Einsatz der ERP-Mittel durch die USA änderte sich infolge des Koreakrieges (1950–1953) signifikant. Die US-Auslandshilfe konzentrierte sich nun in erster Linie auf Militärhilfe. Für Österreich bedeutete dies vor allem eines: weniger Geld aus dem ERP ­– die Hilfe für Österreich wurde auf die Hälfte der Mittel des Vorjahres gekürzt. Der österreichischen Regierung unter Leopold Figl wurde ein „Stabilisierungsprogramm“ aufgezwungen (der sog. „Raab-Kamitz-Kurs“). Die Hauptkritikpunkte der USA: Österreich unternehme zu wenig gegen die Inflation und um die Zahlungsbilanz auszugleichen.
Der Stabilisierungskurs war schmerzhaft, aber erfolgreich. Die zunehmende Arbeitslosigkeit erwies sich als vorübergehend, die Stabilisierung der Wirtschaft war von Dauer. Schon 1954 hatte der Marshallplan sein wesentliches Ziel erreicht: Die österreichische Wirtschaft war nicht mehr auf externe Hilfe angewiesen.

Übergabe an Österreich

1961 übergaben die Vereinigten Staaten die ERP-Mitteln in Höhe von 11,2 Mrd. Schilling an Österreich. Innerhalb der im gegenseitigen Abkommen festgehaltenen Grenzen konnte Österreich nun autonom über die Ausrichtung seiner Förderungen entscheiden. Dieser Spielraum wurde 1994/95 durch die Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum bzw. zur Europäischen Union erneut spürbar eingeschränkt, da es nun galt, auch auf europäisches Wettbewerbsrecht (Verbot von Beihilfen) Rücksicht zu nehmen.
Das ursprüngliche Kapital wurde erhalten. Die ERP-Mittel sind daher bis heute eine wesentliche Säule der österreichischen Wirtschaftsförderung. Jährlich werden rund 500 Mio. EUR in Form von Krediten an österreichische Unternehmen vergeben.

Schwerpunkte

Der Marshallplan zielte darauf ab, die geförderten Länder dabei zu unterstützen, ihre Wirtschaft auf einen langfristigen Wachstumskurs zu führen. Zunächst waren es allerdings vor allem Nahrungsmittel, die das Überleben der Bevölkerung sichern sollten. Danach lag der Schwerpunkt der ERP-Hilfen in Österreich beim Wiederaufbau von Industrie und Elektrizitätswirtschaft. 23% der vergebenen Counterpart-Mittel flossen in die Elektrizitätsindustrie, 13% wurden für die Metallindustrie eingesetzt. 1950 verlagerte sich der Fokus der Hilfen schließlich in die Bereiche Konsumgüterindustrie, Landwirtschaft und Tourismus.

Eisen- und Stahlindustrie

Kriegsbedingt war es bereits unter den Nationalsozialisten in Österreich zu einer Orientierung hin zur Grundstoffindustrie gekommen. Die Fortführung dieses Kurses war nach dem Krieg zwar umstritten, wurde aber schließlich mit Unterstützung aus dem Marshallplan umgesetzt. Als herausragendes Beispiel können die Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke (VÖEST) gelten. 1938 als Reichswerke Aktiengesellschaft für Erzbergbau und Eisenhütten „Hermann Göring“ Linz gegründet und im Krieg schwer beschädigt, wurde das Unternehmen als „deutsches Eigentum“ nach Kriegsende verstaatlicht. Mithilfe von ERP-Mitteln wurde es schließlich wieder auf- und ausgebaut und entwickelte sich zu einem der Grundpfeiler der österreichischen verstaatlichten Industrie.

Energie

Bereits während des Zweiten Weltkrieges war der Ausbau der Energiewirtschaft vorangetrieben worden. Da die Stromproduktion eine wesentliche Voraussetzung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau war, mussten in diesem Bereich große Summen investiert werden. Dies geschah unter tatkräftiger Mithilfe des ERP. Zwischen 1948 und 1952 wurden 70% der notwendigen Investitionen in Kraftwerke und Überlandleitungen mit Counterpart-Darlehen finanziert. Das größte Einzelprojekt war das Kraftwerk Kaprun in den Hohen Tauern. Das unter den Nazis unter widrigen Umständen und unter Einsatz von Zwangsarbeitern begonnene Projekt wurde schließlich zum überwiegenden Teil aus Marshallplan-Mitteln fertiggestellt und 1955 eröffnet.

Tourismus

Österreich hätte nach dem Zweiten Weltkrieg die Devisen aus dem Tourismus dringend benötigt. Die Voraussetzungen dafür waren allerdings denkbar ungünstig. Hotels waren entweder im Zuge der Kriegshandlungen beschädigt oder von den Besatzungsmächten requiriert worden. Erst in der zweiten Hälfte des Marshallplanes rückte die Tourismuswirtschaft in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zwischen 1950 und 1955 wurden 524,5 Mio. Schilling für Tourismusprojekte vergeben. Die Gelder wurden in den Wiederaufbau der Hotellerie und den Bau zahlreicher Liftanlagen und Seilbahnen investiert. Zugute kamen diese Counterpart-Mittel zu fast zwei Dritteln den drei Bundesländern Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Die Investitionen brachten Österreich den Massentourismus zurück – und mit ihm die ersehnten Devisen.